Gefährliche Neugier

Renate Hartwig

Gefährliche Neugier
Ein Jugendroman

Die Figuren in diesem Roman sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind nicht beabsichtigt

und rein zufällig.

©Direct Verlag Paul Hartwig, 2000

Presse

89278 Nersingen

Postfach 29

ISBN 3-935246-00-5

    Renate Hartwig

    “Handeln statt Reden” ist die Devise der Autorin Renate Hartwig. Durch engen Kontakt mit Jugendlichen und Lehrern kam die Idee auf, andere Wege zu gehen. So entstand “Jugend informiert Jugend” und dies wurde auch gleich umgesetzt. Lesungen im ganzen Bundesgebiet haben gezeigt, Schüler wollen sich einbringen, mehr erfahren, dann aber auch mehr wissen und auch mitreden. Wissen schützt auch vor Fanatismus, den den gilt es zu verhindern. Nur wer immer die Tür einen Spalt offen lässt, miteinander im Gespräch bleibt, verhindert das aus Fremden Feinde werden. Nur wer nicht ausgrenzt, kann Vorurteile abbauen. Hass und Gewalt bekommen so ein Stoppschild verpasst. Können sogar verhindert werden. Der Slogan: “Wissen schützt vor Fanatismus” im Verbund Unternehmer & Jugend greift und zeigt am Erfolg, dass persönliches Engagement ohne bürokratischem Wasserkopf funktioniert. Jugendliche haben untereinander Kontakt aufgenommen und stehen für Gespräche und Diskussionen in Schulen zur Verfügung.
    Anlaufstelle für Jugendliche die mitmachen und Lehrer die es nutzen möchten, ist das Büro Hartwig Hotline Nummer 07308/ 922103. In enger Zusammenarbeit mit bundesdeutschen Unternehmern ist es gelungen “Wissen” zu sponsern. So wurde eine Lanze für Bürgerengagement gebrochen. Anstatt darüber zu reden wie man auf Kosten der Steuerzahler für alles und jedes noch mehr Plan - und Expertenstellen einrichten kann, hat “EULE” längst gehandelt. Unternehmer, Lehrer, Schüler, junge Erwachsene und Künstler sind eingebunden und werden selbst aktiv um gesellschaftspolitische Problemfelder miteinander anzugehen. Anstatt verurteilt und ausgegrenzt, wird informiert und geklärt. Der Einstieg zum Gespräch der dann zum Handeln führt, sind die Jugendbücher von Renate Hartwig. Altersgerecht werden hier soziale Problemfelder in der Gesellschaft behandelt. Unternehmen sponsern die Bücher für Schulen.
    Schüler haben die Handlung von den Büchern über Rollenspiele erarbeitet, Jugendliche wurden motiviert auch außerhalb vom Unterricht aktiv zu werden. Die erste Theatergruppe über die “Aktion EULE” ist gegründet und probt bereits. Und das alles war und ist möglich ohne einen Euro an Steuergeldern zu wollen oder zu benötigen.
    Es geht - man muss es nur tun!

Kapitel 1

    Als es zur großen Pause klingelte, erhoffte die ganze 9. Klasse, dass Frau Ziegler die befreiende Parole “hitzefrei” ausgeben würde. Die Sonne stand noch nicht hoch am wolkenlosen Himmel, doch es war bereits so heiß, dass die Luft auf dem Schulhof flimmerte. Frau Ziegler, kühl und gelassen wie immer, blies sich jedoch nur die Haare aus der Stirn und sagte zu der voll Erwartung dasitzenden Klasse:

    “Na los, raus mit euch, oder seid ihr zu schlapp für die Pause?”

    Das gewohnte Stühle rücken begann, nur Lena murrte, laut genug auch für die Ohren der Lehrerin:

    “Wann gibt es an dieser Schule eigentlich mal hitzefrei?”

    Mit diesem Satz war der Bann gebrochen, alle Schüler beeilten sich, ihre Kommentare zu diesem Thema loszuwerden.

    “Ihr wisst genau, dass ich so eine Entscheidung gar nicht treffen kann, und vom Rektor habe ich nichts in dieser Richtung gehört, also, ab in die Pause, und hört auf herum zu maulen”.

    Frau Ziegler griff genüsslich in den Obstkorb, der immer gut gefüllt im mittleren Fach ihres Schreibtisches stand. Roman und Claudius machten oft ihre Witze über diese Vorliebe für Früchte, man sah die Lehrerin selten etwas anderes essen. Die Schüler blickten ihr hoffnungsvoll nach, als sie mit einem Apfel in der Hand in Richtung Rektorat entschwand.

    Im Schulhof war inzwischen jedes schattige Plätzchen besetzt, nur wenige Schüler setzten sich der prallen Sonne aus. Viele verließen heute das Schulhaus nicht. Sie lungerten in den Gängen herum, stöhnten über die Hitze, rissen Fenster und Türen auf in der Hoffnung, dass von irgendwoher ein Zuglüftchen ein wenig Kühlung bringen würde.

    Anna saß an ihrem Platz in der vierten Reihe im Klassenzimmer der 9. Klasse und suchte in der Schulmappe nach ihrem kleinen Geldbeutel. Sie brauchte dringend eine Flasche gekühltes Cola aus dem Automaten im Flur, denn sie war kurz vor dem Verdursten.

    Als Frau Ziegler nach der Pause beim Hereinkommen die Türe offen stehen ließ, wurde dies von der wieder versammelten Klasse mit einem lauten “Ahhhh” honoriert. Auf dem Stundenplan stand jetzt Deutsch, worauf niemand Bock hatte, und Christian platzte heraus:

    “Frau Ziegler, wie wär’s, sollen wir nicht ein Diktat schreiben über die Qualen armer Schüler an einem heißen Sommertag?”

    Frau Ziegler lachte und erst jetzt registrierte die Klasse, dass sie bereits begonnen hatte, ihre Unterlagen einzupacken. Sie schob den Obstkorb nach hinten, schloss die Schublade und sprach endlich das erlösende Wort “Hitzefrei” aus.

    Innerhalb von Sekunden brach ein Höllenlärm in der Klasse los, und die Schüler, noch während der Pause träge und lustlos herumlungernd, rasten nun frisch und munter durch die Gänge Richtung Schultor.

    Die Clique aus der 9. Klasse, der Anna, Lena, Roman, Judith, Carsten und Birgit angehörten, musste heute keine langen Diskussionen führen. Alle waren sich einig darüber, dass dieser Tag nur im Schwimmbad oder am Baggersee auf erträgliche Weise zu überstehen war. Da das Taschengeld bei allen knapp war, wurde das eintrittspflichtige Schwimmbad verworfen, man würde sich um 13.00 Uhr am Baggersee treffen, gleich auf der linken Seite, da wo der Wald begann.

    Als Frau Ziegler mit Rektor Wiebel das Schulhaus verließ, waren alle Schüler, bis auf Markus und Sibylle, schon auf dem Heimweg. Diese beiden saßen nebeneinander auf der Lehne der Bank, die im Schatten der mächtigen, unter Naturschutz stehenden, Linde stand. Markus redete, in einer blauen Broschüre blätternd, eifrig auf Sibylle ein.

    “Hallo, ihr beiden, heute ist es wirklich zu heiß zum Denken und Reden, geht doch ins Schwimmbad und macht euch einen schönen Nachmittag. Tschüss bis morgen”, rief ihnen ihre Lehrerin zu, die durch ihren Wunsch, endlich ins Kühle zu kommen, nur noch halb die Worte des Rektors registrierte:

    “Wir müssen bei der nächsten Lehrerkonferenz über Markus reden. Er hat sich in den letzten Monaten von allem sehr zurückgezogen, eine Veränderung, die nicht nur den Lehrern, sondern auch den Schülern auffällt.”

    “Ach was, der steckt halt mitten in der Pubertät. Sie haben doch gesehen wie angeregt er mit Sibylle diskutiert hat. Er hat zwar eine ganze Reihe früherer Freundschaften abgebrochen, das stimmt schon, aber er wird sich schon wieder fangen, und das neunmalkluge Geschwätz, das er sich angewöhnt hat, wird auch aufhören, wenn er erst einmal merkt, dass er damit in der Klasse nicht landet.”

    Sie verabschiedeten sich. Beide freuten sich, ebenso wie die Schüler, über einen geschenkten Tag.

    Frau Ziegler stöhnte, als sie ihre Autotür öffnete. Heiße Luft, wie aus einem Backofen, schlug ihr entgegen. Sie stieg ein und betätigte sofort den automatischen Fensterheber, obwohl sie normalerweise keinen Zug verträgt, der heute angesichts der brütenden Hitze jedoch das kleinere Übel war.

    Mit einem: “Bis morgen! Schönen Nachmittag, Frau Ziegler”, Verabschiedete sich der Rektor, sie winkte grüßend, und beide fuhren eilig los, denn der Fahrtwind brachte die erhoffte Kühlung.

Kapitel 2

    Die Liegeflächen am Baggersee waren überfüllt; Groß und Klein tummelten sich vergnügt im kühlen Nass. Die Clique der 9. Klasse verzog sich in den Wald, denn die Hitze war unerträglich. Man musste von hier aus zum See zwar ein paar Schritte mehr laufen, aber in der prallen Sonne zu liegen, das hielt heute keiner aus.

    Es schien so, als hätten fast alle Schüler des Schubert-Gymnasiums Taschengeldprobleme, denn trotz des schwierigen Anfahrtsweges tummelten sich bereits zur Mittagszeit Schüler aller Klassenstufen am Baggersee.

    Sibylle, die allgemein als Streberin galt, saß auf dem kleinen Steg und blätterte in einer blauen Broschüre. Ihr Bruder Frank, der bereits die 11. Klasse besuchte, stand nicht weit von ihr entfernt auf einem großen Stein und pfiff durch die Finger, um die Schwester auf sich aufmerksam zu machen. Sie reagierte überhaupt nicht, war völlig versunken in ihre Lektüre. Frank schüttelte den Kopf und setzte sich in Richtung Waldrand in Bewegung. Lena saß bei ihrer Clique und beobachtete den Jungen. Sie himmelte Frank seit mehreren Wochen heimlich an. Anna lehnte sich zu Lena und flüsterte ihr ins Ohr:

    “Quatsch ihn einfach an. So eine günstige Gelegenheit wie jetzt hast du selten.”

    Lenas Augen blitzten.

    “He, Frank, ich geh gleich ins Wasser, soll ich Sibylle was ausrichten?”, rief sie ihm zu.

    Frank blieb kurz stehen, schaute zu Lena, schüttelte den Kopf und lief langsam weiter. Seine Arme hielt er ablehnend verschränkt vor seiner Brust, die Hände zu Fäusten geballt. Man konnte erkennen, dass er ärgerlich war. Schon vorbei, drehte er sich noch einmal um und ging auf die Clique der 9. Klasse zu:

    “Sagt mal, was läuft eigentlich bei euch in der Klasse ab? Meine Schwester kommt mir vor wie eine Außenseiterin. Niemand hat Kontakt zu ihr, und sie vergräbt sich dauernd in irgendwelchen Büchern, die keiner versteht”.

    Instinktiv rückte die Clique zusammen und wappnete sich gegen den unüberhörbaren Vorwurf. Lenas Herz klopfte stark, als sie Frank so dicht vor sich stehen sah, aber sie überwand sich, schluckte und fing an zu sprechen, nachdem Anna ihr von hinten einen aufmunternden Schubs gegeben hatte.

    “Also wenn deine Schwester zu Hause nicht mehr redet, dann muss es ja nicht unbedingt mit uns zusammenhängen. Es kann ja wohl auch an dir liegen. Und vorhin, deinen Pfiff, den hat sie vielleicht gar nicht gehört. Du weißt doch selber, dass sie vor lauter Ehrgeiz fast platzt und es absolut nicht vertragen kann, wenn jemand außer ihr eine Eins schreibt. Aber wenn du möchtest, rede ich mal mit ihr. Vielleicht kann ich raus finden, ob deiner Schwester irgendwas stinkt, zu Hause oder in der Schule”.

    Frank bemerkte ihre Erwartungshaltung gar nicht, sah Lena nur kurz an und murmelte bereits im Weitergehen:

    “Du kannst ja versuchen, mal mit ihr zu reden. Vielleicht gelingt es dir, an diesen Stockfisch heranzukommen.”

    Er machte eine Bewegung mit dem Kopf in Richtung Sibylle, die immer noch voll konzentriert auf dem kleinen Steg saß. Sie bewegte sich nur beim Umblättern der Seiten. Die Broschüre, in der sie las, schien unheimlich spannend zu sein.

    Es war viel zu heiß, um sich mit der Gefühlswelt von Sibylle auseinanderzusetzen. Allein schon aufgrund ihrer Strebsamkeit war sie nicht unbedingt beliebt in der Klasse. Eigentlich interessierte sich niemand für sie, und wenn sie einmal wegen Krankheit fehlte, fiel dies meistens erst auf, wenn beim Abfragen des Lehrstoffes der Finger der Einserschülerin nicht als erster nach oben schoss.

    Anna machte den Vorschlag, sich ins kühle Nass zu stürzen, und schon lief sie in Richtung Steg.

    Normalerweise benutzte sie diesen nie, um ins Wasser zu gelangen, aber sie war neugierig, was Sibylle nun schon seit geraumer Zeit so im Bann hielt. Sie blieb hinter der Klassenkameradin stehen und schaute über deren Schulter auf das Heft in ihren Händen. Es war eigentlich kein Heft, auch kein Buch, eher eine Art Werbebroschüre. Das einzige, was sie erkennen konnte, war das Wort “Klärungsprogramm”, bevor Sibylle das Heft, oder was immer es auch war, zuschlug und Anna ansah:

    “Was schnüffelst du denn hier rum? Lass mich doch in Ruhe! Habe ich dich vielleicht gerufen?”

    “Wieso bist du denn so sauer? Vorhin hat dein Bruder gepfiffen, und du hast überhaupt nichts gehört. Du sitzt jetzt schon auf diesem Steg, seit wir hier sind, dein Rücken ist knallrot. Ich hab dich beobachtet und wollte nur wissen, was du denn gar so Spannendes liest. Was ist ein Klärungsprogramm?”

    Sibylle stand auf und verzog ihr Gesicht. Anna wusste nicht, ob sie ärgerlich war wegen der Störung, oder ob sie endlich den Sonnenbrand bemerkte, der ihren ganzen Rücken bis hin zum Haaransatz feuerrot färbte.

    “Über das, was ich hier lese, kann, darf und will ich nicht mit dir reden - jetzt noch nicht. Entschuldige, aber vielleicht kann ich es dir irgendwann erklären. Ich denke, ich geh jetzt heim, komisch, mich friert richtig.”

    Sie drehte sich um, aber Anna, nun aufrichtig besorgt, ließ sich nicht abschütteln, sie ging einfach mit.

    “Sibylle, du hast wirklich einen unglaublichen Sonnenbrand, daher kommt auch das Frösteln. Wir gehen jetzt besser erst mal in den Schatten, bevor du mit dem Fahrrad durch die Hitze nach Hause fährst. Die anderen sitzen dahinten unter den Bäumen, ich hole ein T-Shirt, mache es nass, und du ziehst es an. Das kühlt.”

    Anna steuerte schnurstracks in Richtung Schatten. Als sie aus ihrer Tasche ein T-Shirt herausgezogen hatte, sah sie, wie sich Sibylle hinter ihr an einem Baum festhielt und zu würgen begann.

    “Mein Gott, die hat einen Hitzschlag, Sonnenstich oder wie man das nennt. Was mach ich denn jetzt?”

    Es wimmelte von Leuten am Rand des Sees, im See, überall - doch Anna kam sich in diesem Moment vor, als wäre sie mit Sibylle allein.

    “Vorhin war doch noch Lena hier neben mir, und wo ist jetzt Frank, der Bruder von Sibylle geblieben? Warum müssen solche Sachen immer mir passieren?”, murmelte sie vor sich hin.

    Wie immer half das Jammern nicht, Handeln war angesagt. Anna holte unter Roman´s Handtuch die Mineralwasserflasche hervor und gab sie Sibylle.

    “Hier, setz dich auf das Handtuch, lehn dich mit deiner Schulter an den Baumstamm und versuche, in kleinen Schlucken zu trinken. Ich laufe schnell zum Wasser und mach das T-Shirt nass. Bin gleich wieder da. Bleib ja sitzen und rühr dich nicht.”

    Sie rannte zum Wasser. Selbst schweiß gebadet, kühlte sie sich erst einmal ab, tauchte das T-Shirt in den See, zog es wieder heraus und eilte zurück zu Sibylle. Die weigerte sich zuerst, das triefendnasse T-Shirt überzuziehen, aber es half nichts. Anna fackelte nicht lange und stülpte es ihr einfach über den Kopf. Sibylle stöhnte auf vor Schmerz, als Anna ihr das Kleidungsstück über den Rücken zog. Als Lena zurückkam, fauchte Anna ihre Freundin an:

    “Na endlich, Lena, wo warst du denn? Ich spiele hier die Krankenschwester, und ihr tummelt euch im Wasser. Sibylle hat einen Sonnenbrand, dass es kracht. Außerdem ist ihr schlecht, also kann es auch ein Hitzschlag sein. Unmöglich, dass sie mit dem Fahrrad nach Hause fährt, wir müssen uns irgendwas einfallen lassen. Such ihren Bruder Frank. Vielleicht ist jemand aus seinem Freundeskreis da, der ein Auto hat, damit Sibylle nach Hause kommt.”

    Lena sah ihre Chance gekommen und rannte in die Richtung los, in welche vorher Frank verschwunden war. Die Jungs von der Clique kamen nacheinander zurück und setzten sich auf ihre Handtücher. Sibylle kauerte am Baum und hielt krampfhaft das blaue Heft in der Hand.

    “Sag mal, kennt keiner von euch jemanden, der ein Auto hat und jetzt hier am Baggersee rum liegt? Sibylle muss nach Hause gefahren werden, Lena sucht schon Frank, wir müssen jetzt etwas unternehmen. In dem Zustand kann sie hier nicht länger sitzen”, ergriff Anna erneut die Initiative. Carsten murmelte vor sich hin:

    “Wenn sie ins Schwimmbad gegangen wäre, dann könnte jetzt der Bademeister einspringen. Woher sollen wir ein Auto nehmen, so weit weg vom Schuss?”

    Alle schauten mitleidig und besorgt auf die eingesunkene Gestalt von Sibylle, die leichenblass und mit kaltem Schweiß bedeckt am Baum lehnte. Niemand bemerkte Markus, der plötzlich vor Sibylle stand. In seiner Hand hielt er eine Stofftasche mit dem Aufdruck “Neue-Zeit -Verlag”.

    Als würde allein seine Gegenwart Sibylle zu neuem Leben erwecken, stand sie mühsam auf, als sie Markus sah und strahlte ihn an. Sie wies auf das Heft in ihrer Hand, fasziniert sprudelte sie die Worte heraus:

    “Ich habe es ausprobiert, Markus, es hat funktioniert. Wir können gleich da mit dem Programm weitermachen, wo wir heute Mittag aufgehört haben.”

    Ihr Gesicht verzerrte sich, als sie sich vorbeugte, so sehr schmerzte sie der Sonnenbrand unter dem T-Shirt, das, inzwischen getrocknet, an ihrem Rücken klebte. Roman stand auf, überlegte nicht lange, nahm die halbvolle Flasche Mineralwasser, schraubte sie auf und leerte sie ohne Ankündigung über Sibylles Rücken. Die schrie entsetzt auf und sprang zur Seite.

    “Du glaubst, dass das der richtige Weg und die richtige Handlungsweise ist?”

    Der Ton, in dem Markus Roman ansprach, ließ alle Schulkameraden, die auf ihren Handtüchern im Umkreis herumsaßen, aufhorchen.

    “Du Klugscheißer! Dann mach du doch was, wenn du es besser kannst. Erst sitzt sie stundenlang in der prallen Sonne auf dem Steg, und nun versaut sie uns den Nachmittag, weil sie sich vor lauter Dummheit einen Sonnenbrand geholt hat. Anna meint sogar, es könnte ein Hitzschlag sein.”

    “Ach was! Komm her, Sibylle, ich werde dir den Sonnenbrand weglöschen.”

    Markus legte seine Hände auf den verbrannten Rücken unter dem wieder feuchten T-Shirt und murmelte Unverständliches vor sich hin. Die anderen sahen gebannt zu, bis Lena seine Vorstellung unterbrach, als sie mit langen Schritten auf die Clique zukam:

    “Frank radelt in Richtung Hauptstraße und ruft von der nächsten Telefonzelle seinen Vater an, der soll Sibylle mit dem Auto abholen.”

    Markus und Sibylle wandten sich von der Clique ab, setzten sich etwas abseits hinter einen Baum und demonstrierten so, dass sie nicht gestört werden wollten.

    “Ich komme da nicht mehr mit. Mir schlägt sie das Heft vor der Nase zu, und mit Markus setzt sie sich jetzt hin und liest darin.”

    Anna forderte Lena mit einer Kopfbewegung auf, mit ihr in Richtung Wasser zu laufen. Schnaubend stürzten sich die beiden Mädchen in die Fluten und schwammen weit hinaus in den See. Lena war aufgeregt, sie hatte endlich eine Gelegenheit bekommen, Frank in ein längeres Gespräch zu verwickeln. Sie hoffte, ihn auf sich aufmerksam gemacht zu haben.

    “Anna, du hast sicher Verständnis, wenn ich mich in den nächsten Tagen ein bisschen um Sibylle kümmere, das ist die Chance, oft in Franks Nähe zu sein. Also, sei nicht sauer. Du bist doch meine Freundin und verstehst mich sicher”, keuchte sie, während sie versuchte, mit der sportlichen Freundin mitzukommen.

    Anna schüttelte den Kopf, dass das Wasser nur so sprühte, und murmelte: “Alle durchgeknallt - völlig verrückt.”

    Lena drehte um und schwamm mit langen Zügen zurück, so eilig, als ginge es um ein Wettschwimmen. Kaum aus dem Wasser, lief sie schnurstracks zu Sibylle, um ja anwesend zu sein, wenn Frank vom Telefonieren zurückkam. Doch weder Sibylle noch Markus hatten Lust, ein Gespräch mit Lena zu führen, sie machten keinerlei Anstalten, diese in ihre Unterhaltung einzubeziehen. Sie hatten die Köpfe über dem blauen Heft zusammengesteckt und diskutierten angespannt. Ein paar Minuten später tauchte Frank, von der Straße kommend, auf. Er schob sein Fahrrad und winkte von weitem. Lena reagierte sofort und sprang ihm entgegen.

    “Mein Vater kommt in ein paar Minuten und holt Sibylle ab. Ich muss jetzt erst einmal ins Wasser, bin vollkommen durchgeschwitzt.”

    Er legte das Fahrrad einfach auf den Boden, ließ Lena stehen und rannte zum See.

    Die Clique war wieder vollzählig unter den Bäumen versammelt, aber es wollte einfach kein richtiges Gespräch zustande kommen. Hinter dem Baum saßen Markus und Sibylle, vertieft in ihre Lektüre. Markus erklärte, Sibylle nickte nur. Als Frank wieder aus dem Wasser kam, dauerte es nur noch ein paar Minuten, bis Herr Kraus mit seinem Wagen am Straßenrand anhielt.

    “Sibylle, komm! Vater ist da. Wir laufen mit dir zum Auto.”

    Frank sagte diesen Satz freundlich und erleichtert, niemand verstand, aus welchem Grund Sibylle nun ausrastete.

    “Behandle mich nicht immer wie ein Baby! Ich weiß überhaupt nicht, was diese Aktion mit Vater soll, ich habe mit Markus noch was zu besprechen und will überhaupt nicht nach Hause. Mir geht es schon viel besser, es ist nur mein Rücken, aber der wird auch nicht besser, wenn ich nach Hause gehe.”

    Sie verstummte, als sie ihren Vater auf sich zueilen sah.

    “Wie kann man sich denn nur einen Sonnenstich, Hitzschlag oder sonst was holen. Hier sind Bäume, Schatten, Wasser, was hast du denn gemacht, Sibylle?”

    Niemand reagierte auf die Frage des Vaters, und dieser wandte sich nun an Markus, dessen Stofftasche ihm aufgefallen war:

    “Sag mal, die ganzen Hefte, Bücher, Kassetten, die Sibylle in ihrem Zimmer hat, kommen die alle von diesem Neue -Zeit-Verlag?”

    Markus stand auf, sah sich kurz um, nahm seine Stofftasche und - ging. Keinerlei Reaktion auf die Frage. Die Jugendlichen blickten sich erstaunt an. Sibylle nickte Anna zu und bewegte sich mit langsamen Schritten quer über die Wiese auf das Auto ihres Vaters zu. Auf halbem Wege drehte sie sich noch einmal um, winkte und rief:

    “Ich bringe dir das T-Shirt gewaschen in die Schule mit. Danke für deine Hilfe.”

    Irgendwie war der Nachmittag für alle gelaufen. Keiner wusste so genau, warum keine Stimmung mehr aufkommen wollte. Die Clique entschloss sich in stillschweigendem Einvernehmen, früher als sonst nach Hause zu gehen.

Kapitel 3

    Anna wohnte mit ihren Eltern und Geschwistern auf der anderen Seite des Baggersees. Sie radelte quer über die Feldwege und erreichte die Wohnsiedlung zeitgleich mit ihrem Onkel, der gerade mit seinem neuen Auto am Haus ihrer Eltern vorfuhr.

    Sie hatte total vergessen, dass ihr Cousin Robin, der die 8. Klasse des Schubert-Gymnasiums besuchte, ihr in der Pause einen Zettel zugesteckt hatte:

    “Ich komme heute Abend mit meinem Vater zu dir. Muss dich dringend sprechen.”

    Robin stieg aus und ging sofort mit Anna in die Garage, wo sie ihr Fahrrad abstellte.

    “Was ist los, Robin? Warum hast du mir so geheimnisvoll den Zettel zugesteckt?”

    Robin schaute sich um, ob auch ja niemand in Hörweite war. Die Väter der beiden, zwei Brüder, waren mit dem neuen Auto beschäftigt. Annas Mutter goss hinter dem Haus die Blumen und beaufsichtigte den Rasensprenger, der stetig seine Kreise drehte. Es hatte seit Wochen nicht mehr geregnet.

    Robin holte aus der Brusttasche seines Hemdes einen Zettel und fragte:

    “Anna, kennst du das Buch ,Wie man seine Eltern erzieht’ ?”

    Anna schüttelte den Kopf und wunderte sich, warum Robin aus einer einfachen Frage so ein Geheimnis machte.

    “Warum kannst du mich das nicht ganz normal in der Schule fragen, oder nachher, wenn wir beieinander sitzen? Was ist daran so interessant und geheimnisvoll?”

    “Pass auf, das hier ist ein kleines DIN-A5-Büchlein, es wird von Markus in der Schule an diejenigen verteilt, die immer davon reden, dass sie Ärger mit ihren Eltern haben. Die Betreffenden lesen es und treffen sich dann mit Markus irgendwo in einer Wohnung, und jeder, der da mitmacht, wird verdonnert, zu keinem auch nur ein Wörtchen darüber zu reden.”

    “Meinst du den Markus aus meiner Klasse?